Seite 1Seite 2

1.3. Gewichte
Auch die Gewichte fielen regional sehr unterschiedlich aus. Bei Adam Ries bzw. im Algorismus Ratisbonensis entsprachen 100 Nürnberger Pfund 73 Kölner Pfund, 75 Egerer Pfund, 96 Pfund in Regensburg, 110 Leipziger Pfund, 116 Pfund in Brügge, 128 Breslauer Pfund, 166 Venezianische Pfund und 233 Pfund von Padua.
Ursprünglich entsprachen 100 Pfund einem Zentner, ab etwa 1500 traten üblicherweise 110 Pfund für einen Zentner auf.
Ein größeres Handelsgewicht war die Tonne (gemeint war damit ein Fass) mit örtlich erheblich variierenden Unterteilungen und Wert. Sie wurde beispielsweise bei Butter, Heringen und Tran verwendet. In Hamburg war eine Tonne Butter 224 Pfund (entsprach 108,575 kg), in Lübeck 224 Pfund (entsprach 135,718 kg) und in Bremen 216 Pfund.
Zwischen Zentner und Pfund liegt die Gewichtseinheit Stein. Die 1504 gängige Umrechnung war 1 Zentner entsprach 5 Stein, 5 Stein entsprach 110 Pfund, dass heißt, 1 Stein entsprach 22 Pfund. Auch diese Umrechnungen schwankten, so traten bei Adam Ries für einen Zentner neben 5 Stein auch 5 Stein, 7 Pfund und 6 Stein auf.
Kleinere Gewichte waren:
Das Lot (1 Pfund entsprachen 32 Lot, 1 Mark entsprachen 16 Lot), das Pfenniggewicht (1 Quent entsprachen 4 Pfenniggewichten) und das Hellergewicht (1 Pfenniggewicht entsprachen 2 Hellergewichten).
 

Lübecker Roggenscheffel aus dem 15.Jahrhundert und ineinandergestellte Gewichte in eimerförmigen Gehäuse, von Rothschmieden in Nürnberg aus Messing hergestellt.

Bei Edelmetallen fanden die Einheiten Mark, Karat, Gran und Grän Verwendung. Das Pfund fand auch noch Verwendung als Zählmaß für Eisenstreifen (Nägel). 1 Pfund Eisen entsprach 240 Schienen Eisen.
 
2. Weitere Maße
2.1. Hohlmaße

Hier gibt es regional und zeitlich ebenfalls erhebliche Unterschiede.
Ein Fuder ist das Volumenmaß, das ursprünglich von der Ladung (Fuhre) eines zweispännigen Wagens abgeleitet ist. Üblicherweise ergab bei Wein, Bier und auch Met ein Fuder 12 Eimer. Im Herzogtum Württemberg, samt der Reichstadt Esslingen, hatte ein Fuder nur 6 Eimer, neckarabwärts in der Reichsstadt Heilbronn waren es dagegen 20 Eimer. Dafür war ein Eimer in Württemberg 160 Maß, in Heilbronn dagegen nur 24 Maß. Somit besaß das Fuder in Württemberg 960 Maß und in Heilbronn 480 Maß. In Bayern entsprach einem Eimer 60 Maß ("nach der Visier") oder 64 Schenkmaß in Leipzig 54 Maß ("an der Visir") bzw. 58 Schenkmaß und "zu Nuerenberg, Wuertzburg vnd darumb 64 Maß nach der Visier vnd Eich vnd 68 schenckmaß".
Bei Adam Ries kamen auf einen Eimer 64 bzw. 72 Viertel, bei Johann Albert 64 Kandel. Eine Kanne hatte regional unterschiedlich einen Inhalt zwischen 0,9 Liter und 2,6 Liter. Die Einheit Tonne taucht hier auch auf und war 4, 5 oder 6 Eimer. Weitere regionale Einheiten waren Ime, Stübbich und Össel. In Lübeck galt 1556:
ein Fuder 6 Ame, 1 Ame waren 40 oder 48 Stoeveken und 1 Stoeveken 4 Quarteer.
In Frankfurt galten folgende Zusammenhänge:
1 Fuder entsprach 6 Ohm, 1 Ohm entsprach 20 Viertheil, 1 Viertheil entsprach 4 Maß, 1 Maß entsprach 4 Echtmaß "80 Maß ist 1 Ohm zu Franckfurt / nach der Eich vnd Visier. Item 90 Maßthun 1 Ohm / so man schenckt".
Für Bretten (Baden), damals 1504 Brettheim genannt, ist interessant, was der Nürnberger Caspar Hützler 1547 in seinem niederdeutschen Rechenbuch schreibt:
"Tho Heidelberge / Spire / vnd vmme desuelven grentze / is. 10 Ame / eyn Voeder. 12 Verndel/ eyn Aem. 4 Mate eyn Verndel. 480 Mate / eyn Voeder".
Übersetzt:
1 Fuder entspricht 10 Eimer, 10 Eimer entspricht 480 Maß, 1 Eimer entspricht 12 Vierteil, 1 Vierteil entspricht 4 Maß.
Bei Getreide gab es wiederum andere Volumenmaße. Vorzugsweise in Mittel- und Norddeutschland verwendete man den Wispel, den Malter (1 Wispel entspricht 2 Malter), den Scheffel (1 Wispel entspricht 24 Scheffel) und die Metze (1 Scheffel entspricht 16 Metzen). Ein Scheffel betrug zwischen 23 Liter und 222 Liter.
 

Maße für Mauer-, Dach- und Firstziegel. In Freiburg, Breisgau, 15. Jahrhundert. Sie dienten als Größenvergleich und wurden so angebracht, dass sich der Käufer von Baumaterial über die ordentliche Einhaltung der vorgeschriebenen Größe überzeugen konnte.

2.2. Längenmaße
 

Die Längenmaße waren an frequentierten Örtlichkeiten gut sichtbar angebracht, so auch die Luzerner Elle von 1373.

2.3. Entfernungen
Große Entfernungen wurden in Meilen angegeben, die regional ebenfalls erheblich differierten. Beispiele für Entfernungsangaben:

  • Wien - Regensburg 60 Meilen (im Algorismus Ratisbonensis),
  • Regensburg - Erfurt 40 Meilen (bei Adam Ries),
  • nach Rom (von Annaberg) 300 Meilen (bei Adam Ries
  • Leipzig - Nürnberg 36 Meilen (bei Johann Albert).

  •  
    Einige weitere Längenmaße sind Elle, Fuß Schuh, Rute und Klafter, die teilweise auch als Flächenmaße Verwendung fanden. In Frankfurt beispielsweise galt:
    12 Schuh entspricht 1 Rute, 160 Ruten entspricht 1 Morgen, 30 Morgen entspricht 1 Hubland.
    Bei astronomischen Messungen werden Zaichen, Grad und Minuten verwendet.
     
    2.4. Bei Kleidung
    Stoffe wurden in Ellen (abgeleitet von der Länge des Unterarms) gemessen. Jede deutsche Stadt hatte ihr eigenes Ellenmaß (die Augsburger Elle klein 59,24 cm, groß 61,00 cm, die Erfurter Elle klein 40,38 cm, groß 54,97 cm, die Frankfurter Elle 54,73 cm, die Leipziger Elle 56,60 cm, die Nürnberger Elle 66,10 cm usw.). Es war dabei nicht ungewöhnlich, wenn in einer Stadt mehrere unterschiedlich große Maße von der gleichen Art nebeneinander verwendet wurden.
    In Rechenaufgaben bei Johann Albert entsprechen einem Tuch 28, 29, 33, 36, 39 und meistens 32 Ellen. Und 1 Saum wiederum ergibt 22 Tücher.
    In speziellen Fällen dienen auch Begriffe wie Damast, Barchent (aus Leinen und Baumwolle dicht gewirkter starker Stoff), Harraß (leichtes Wollgewebe), Satin und Zwillich (grobes Leinentuch) als Längenmaße.
     
    2.5. Spezielle Maße Bei Büchern bzw. Papier gibt es die Einheiten Ballen, Ries (1 Ballen = 10 Ries), Buch (1 Ries = 20 Bücher) und Bogen (1 Buch = 25 Bogen).
    Für bestimmte Waren gab es handelsübliche Lieferformen, z.B. ein:
  • Bund (bei Heu und Stroh),
  • Faß (bei Alaun, Schweinefett, Unschlitt, Weinstein),
  • Fäßchen (bei Öl und Seife),
  • Korb (bei Feigen),
  • Kübel (bei dem Thüringer Blaufärbemittel Waid),
  • Posten (bei Silber),
  • Sack (bei Kalmus, Mandeln, Baumwolle, Schafwolle, Lorbeer, Nelken, Pfeffer),
  • Scheibe (bei Wachs),
  • Seite (bei Speck),
  • Stumpf (bei Safran) und
  • Tonne (bei Butter, Honig, Hering und Tran) in den Rechenbüchern von Albert und Ries.

  •  
    Unterschiedliche Getreidemasße in Greyerz / Gruyéres, Kanton Fribourg

     
    Von links nach rechts:
Passauer Eichmaß von 1475,
Passauer Eichmaß von 1480,
Lübecker Eichmaß für ein Stübchen Wein von 1487,
Lübecker Eichmaß für ein halbes Stübchen Bier von 1487

    Für viele Zahlen gab es Stückmaße, die teilweise nur bei bestimmten Waren benützt wurden. Solche Maße sind für 10 (Decher bzw. Techer), für 12 (Dutzend), für 15 (Mandel), für 20 (Stig), für 40 (Zimmer) und für 60 (Schock).
     
    3. Rechenpfennige
    Eine numismatische Besonderheit stellen die Rechenpfennige dar. Sie sind die Hilfsmittel, die man im Mittelalter benutzte, um das Rechnen auf der Linien am Rechentisch, Rechenbrett oder auf dem Rechentuch durchzuführen, was man mit dem Rechnen auf dem Abakus vergleichen kann. Diese "alte" Methode wurde um 1504 immer mehr von der "neuen" schriftlichen Methode, dem Rechnen mit der Ziffer oder Kreiden, mit Verwendung der indisch-arabischen Ziffern abgelöst. Die Rechenpfennige entstanden als münzähnliche Stücke ohne Geldwert in der Zeit der umfangreichen Metallgewinnung und wurden im 14. Jahrhundert im Abendland fast eine "massenhafte" Modeerscheinung. Dahinter steckte die Tatsache, dass der zunehmende Handel umfangreicheres Rechnen erforderte.
     

     
    Quellen:

  • Johann Albert: Rechenbüchlein auff der linien, dem einfeltigen gemeinen man odder leien vnd jungen anhebenden liebhabern der Arithmetice zu gut, Wittenberg 1534
  • Johann Albert: New Rechenbüchlein auff der Federn, Wittenberg 1541
  • Peter Apian: Eyn Newe vnnd wolgegründte vnderweysung aller Kauffmanß Rechnung, Ingolstadt 1527
  • Franz Brasser: Eyn nye vnde Nuetsam Reckensboeck vor de anfangenden schoelers, 2. Auflage Lübeck 1556
  • Johannes Böschenstain: Ain neu geordnet Rechenbüchlein, Augsburg 1518
  • Stefan Deschauer: Das zweite Rechenbuch von Adam Ries, Braunschweig 1992
  • Caspar Hützler: Eyn behende vnd kuenstrike Rekensbock vp allerley koephandele, Lübeck 1547
  • Helmut Kahnt, Bernd Knorr: Alte Maße, Münzen und Gewichte, Mannheim 1987
  • Richard Klimpert: Lexikon der Münzen, Maße, Gewichte, Berlin 1896
  • Arnold Luschin von Ebengreuth: Allgemeine Münzkunde und Geldgeschichte des Mittelalters und der neueren Zeit. 2. Auflage München und Berlin 1926 (= Handbuch der mittelalterlichen und neueren Geschichte. Abt.4.)
  • Karl Menninger: Zahlwort und Ziffer, Band II: Zahlschrift und Rechnen, Göttingen 1958
  • Michael North: Geldumlauf, Währungssysteme und Zahlungsverkehr in Nordwesteuropa 1300 - 1800. Beiträge zur Geldgeschichte der Hansezeit, Köln / Wien 1989
  • Adam Ries: Rechnung auff der linihen, Erfurt 1525 {1. Rechenbuch, 2. Auflage)
  • Adam Ries: Rechenung auff der linihen vnd federn, Erfurt 1522 (2. Rechenbuch, 1. Auflage)
  • Heinrich Schreyber: Eynn kurtz newe Rechenn vnnd Visyr buechleynn, Erfurt 1523
  • Friedrich Frhr. v. Schrötter: Wörterbuch der Münzkunde, Berlin / Leipzig 1930
  • Martin Stötter: Ein schoen nutzlich Rechenbuechlin auff allerlei kauffmans rechnung, Tübingen 1552
  • Johannes Tropfke: Geschichte der Elementarmathematik, 4. Auflage, Band 1, Berlin 1980
  • Kurt Vogel: Die Practica des Algorismus Ratisbonensis (um 1460), München 1954
  • Kurt Vogel: Das Bamberger Blockbuch (1471-1482), München 1980
  • Kurt Vogel: Das älteste deutsche gedruckte Rechenbuch Bamberg 1482, Stuttgart 1988
  • Ulrich Wagner: Das Bamberger Rechenbuch von 1483, Weinheim 1988
  • Manfred Weidauer: Rechenpfennige - Hilfsmittel der Rechenmeister, Annaberg-Buchholz 1993
  • Johannes Widmann: Behend vnd hüpsch Rechnung vff allen Kauffmanschafften, Leipzig 1489
  • Dokumentation im Stadtmuseum Schongau (sehenswerte wertvolle Münzsammlung!)

  •  

     

    Zur Verfügung gestellt von Andreas Biolcati und Ulrich Reich von „Der Verlorene Haufen e.V.“ (Spätmittelalterliches Schützenfähnlein um 1480)

    zurück